Pfr. Sauer: Predigt zum 5. Sonntag nach Trinitatis (Gen 12, 1 – 4a)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Amen.

Stille

Liebe Gemeinde,

was ist der Sinn meines Lebens? So fragen viele Menschen – und finden nicht so leicht Antwort. Ist der Sinn meines Lebens für die Familie da zu sein? Oder doch die Verwirklichung dessen, was ich mir für mich selber wünsche? Bezieht sich der Sinn des Lebens nur auf mich, oder hat er auch etwas mit meinen Mitmenschen zu tun? Gibt es den Sinn des Lebens überhaupt? Oder erschaffen wir unseren ganz persönlichen Sinn des Lebens selbst? Schwierig!
Es gibt so viele Antworten. Bzw. Menschen, die meinen, die Antwort zu wissen. Ratgeber noch und nöcher.

Hören wir dazu eine Geschichte, ziemlich am Anfang der Bibel, in der es letztlich, glaube ich, genau um diese Frage geht: Was ist der Sinn des Lebens?

Predigttext: Gen 12, 1-4a
1 Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. 2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. 4 Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm.

Abram, der erst später so heißen wird, den ich jetzt aber schon Abraham nenne, soll seine Heimat verlassen. Und das mit 75 Jahren. Er hatte sich mit seiner Frau Sarai in Haran eingerichtet. Jetzt soll er fort. Ziel unbekannt: ein Land, das Gott ihm noch zeigen will. Einzig Gottes Verheißung hört Abraham. „Ich will dich segnen.“ Gott will aus ihm und seiner Familie ein „großes Volk und ihm einen großen Namen“ machen. Kinderreichtum, eine große Familie und finanzieller Reichtum waren damals Ausdruck von Segen.

Stellen wir uns das mal für uns vor. Einfach so die Heimat verlassen? Noch dazu, wenn es augenscheinlich keinen Grund gibt? Mittlerweile kennen wir viele Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen. Flüchtlinge aus der Ukraine, aus Syrien und vielen anderen Ländern. Aber dafür gibt es meist furchtbare Gründe.

Bei Abraham gab es diese Gründe nicht. Trotzdem geht er. Nicht wissend wohin. Nicht wissend wie lange seine Reise dauern wird. Nicht wissend, was er bis zum Ziel alles erleben und erleiden muss.
Aber ist das nicht eine Situation, die wir ähnlich auch schon erlebt haben? Schulabschluss geschafft. Und jetzt? Egal, wie man sich entscheidet. Zukunft unbekannt.
Oder man beschließt nun doch einmal den Arbeitgeber zu wechseln oder gar den Beruf. Zukunft unbekannt..
Auf einmal wird man Vater oder Mutter und man weiß nicht, wie das geht. Zukunft unbekannt.

Unbekanntes Land, wir alle haben es schon betreten. Nicht wissend, was da auf uns zukommt und was uns abverlangt wird aber auch nicht wissend, wie viel Schönes wir dabei erleben dürfen.
Nachfühlen, wie es Abraham ging, das können wir also vielleicht. Und doch gibt es einen Unterschied. So deutlich, wie Abraham Gottes Befehl hört, werden wir Gott wohl nicht hören.
Aber die Bibel erzählt es so deutlich, weil sie uns eine Sache deutlich machen will. Nämlich was Glaube bedeutet.

Abraham geht, weil er Gott vertraut. Er hat ja keine Sicherheit. Er hat nichts in der Hand. Nur Gottes Verheißung. Aber die reicht ihm. Allein deswegen geht er. Und damit wird Abraham zum Urbild des Glaubens.
Denn Glaube heißt Vertrauen. Vertrauen darauf, dass da einer ist, der mich führt, der einen Plan für mich hat, auch wenn ich ihn nicht kenne.

Ich habe lange gebraucht, bis ich nicht nur mit dem Kopf verstanden habe, was Glaube bedeutet, sondern auch mit dem Herzen. Und das habe ich meiner Tochter zu verdanken.

Es war ziemlich am Anfang unserer Zeit in Wildenreuth. Es war in den ersten Wochen im neuen Haus. Als ich eines Tages heimkomme und die Tür öffne, höre ich, wie unsere Tochter oben ruft: „Hallo Papa, komm hoch!“ Ich ziehe meine Schuhe an und gehe langsam die Treppe nach oben. Unsere Treppe macht eine Kurve nach links um 180 Grad. Man sieht also erst nach oben, wenn man die Kurve schon fast hinter sich hat. Ich gehe also um die Kurve herum und schaue nach oben. Dort steht sie, strahlt mich an und ruft: „Papa fang mich!“ Es waren 5, vielleicht 6 Stufen zwischen uns. Aber ohne Zögern springt sie. In dem festen Vertrauen, dass ich sie fangen werde. Es ging gut. Nichts passiert. Gott sei Dank. Aber in dem Moment habe ich begriffen, was Glaube bedeutet: Springen und darauf vertrauen, dass Gott mich auffängt.
Oder, wie bei Abraham, losgehen in unbekanntes Land und darauf vertrauen, dass Gott dabei ist.

Die weitere Geschichte Abrahams zeigt, dass das nicht bedeutet, dass sämtliche Schwierigkeiten weg wären. Nein. Aber Gott hilft durch die Schwierigkeiten hindurch.
Und Gott macht wahr, was er verheißen hat: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ Abraham durfte Segen erfahren. Aus ihm wurde ein großes Volk, das Volk Israel. Und wir, wir durften und dürfen Segen auch immer wieder erfahren. Segen ist nämlich all das, wofür wir dankbar sein können.

Ich hab mir gedacht, das könnte doch eine wunderbare Aufgabe für die nächste Zeit sein. Wahrnehmen, wofür ich dankbar bin und mir dann bewusstmachen: das ist Gottes Segen. Es ist nicht selbstverständlich, aber ich darf es erfahren. Denn Gott möchte, dass es mir gut geht.

Und vielleicht nehmen wir dadurch ja auch den Segen am Ende jeden Gottesdienstes wieder ganz neu wahr. „Ich will dich segnen“, sagt Gott. Er tut es in jedem Gottesdienst. Und dieser Segen verwirklicht sich, wenn wir da nach draußen gehen. Wir dürfen immer wieder erleben, wie gut Gott es mit uns meint.

„Ich will dich segnen“, sagt Gott. Aber es geht noch weiter: „Und du sollst ein Segen sein.“

Wir empfangen Segen und sollen, nein falsch, wir dürfen anderen „ein Segen sein“.
Wenn Gott mir Gutes tut, wenn er es von Herzen gut mit mir meint, dann ist die entscheidende Frage, die wir uns immer wieder stellen sollten: Können meine Mitmenschen für das, was ich ihnen tue, wie ich ihnen begegne dankbar sein?

Natürlich, das gehört zur Wahrheit auch dazu, wir sind anderen auch immer wieder eine Last. Wir belasten andere, manchmal ohne dass wir’s wollen, manchmal mit voller Absicht. Aber du und ich, wir dürfen und wir können anderen auch ein Segen sein.
Und vielleicht hilft da genau diese Frage: Können meine Mitmenschen für das, was ich ihnen tue, wie ich ihnen begegne dankbar sein? Wenn ja, dann sind wir ihnen ein Segen.

Kommen wir zurück zu unserer Ausgangsfrage: Was ist der Sinn des Lebens?
Unser Predigtwort würde sagen: Der Sinn deines Lebens ist es Gott zu vertrauen, ihm zu glauben, dass er bei dir sein wird. Der Sinn deines Lebens ist es, das Gute in deinem Leben nicht selbstverständlich hinzunehmen, sondern als Segen Gottes zu begreifen. Und dann, dann sorg dafür, dass andere auch für dich und dein Verhalten dankbar sein können.

Oder ganz kurz gesagt. Der Sinn des Lebens ist Gottvertrauen, sich segnen lassen und anderen zum Segen werden.
Amen.

Der Friede Gottes, welcher höher ist all unsere Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

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