Pfr. Sauer: Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis, 21. Juni 2026 (Micha 7, 18 – 20)
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
Amen.
Stille
Liebe Gemeinde,
der Prophet Micha steht vor einer großen Frage: Wie kann es weitergehen in einem Land, in dem vieles falsch läuft? Gibt es Zukunft? Und wenn ja, wie? Das ist die Frage, die ihn bewegt. Und er findet eine spannende Antwort. Hören wir sie.
Predigttext: Micha 7,18-20
18 Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! 19 Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen. 20 Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.
Felix Brummer, der Frontsänger der Band Kraftklub, hat 2021 in seinem letzten Solosong – er heißt passenderweise auch „Der letzte Song“ – folgendes gedichtet:
„Ich würd dir gerne deine Angst nehm’n, alles halb so schlimm
Einfach sagen, diese Dinge haben irgendeinen Sinn
Doch meine Texte taugten nie für Parolen an den Wänden
Kein’n Trost spenden in trostlosen Momenten…
Ich wär gerne voller Zuversicht
Jemand, der voll Hoffnung in die Zukunft blickt
Der es schafft, all das einfach zu ertragen
Ich würd dir eigentlich gern sagen: Alles wird gut
Die Menschen sind schlecht und die Welt ist am A[rsch]
Aber alles wird gut
Das System ist defekt, die Gesellschaft versagt
Aber alles wird gut
Dein Leben liegt in Scherben und das Haus steht in Flamm’n
Aber alles wird gut
Fühlt sich nicht danach an, aber alles wird gut“
„Alles wird gut“, das zu sagen wäre für ihn eine Lüge. Zu dunkel ist für ihn die Zukunft. Zu pessimistisch blickt er auf das was ist und auf das, was noch kommt.
Dieser Song passt, finde ich, ganz gut auf die Situation, in der der Prophet Micha gelebt hat. Micha nimmt kein Blatt vor den Mund. Er kritisiert die Missstände in seinem Land aufs Schärfste. Großgrundbesitzer und Politiker leben auf Kosten der kleinen Leute und seine Kollegen sprechen immer noch von Frieden, obwohl der Feind schon im Land ist.
Die Menschen orientieren sich nicht mehr an Gottes Weisung und deswegen wird die Strafe kommen, davon ist Micha überzeugt. Er soll sie ankündigen und sie kommt dann auch. Das Nordreich wird 722 v. Chr. Von den Assyrern überrannt und eingenommen.
Für Micha ist der Grund klar: es ist die Schuld des Volkes. Wer sich von Gott abkehrt, hat keine Zukunft.
Nun wäre es leicht zu sagen: Ja, da haben wir es. Es hat sich nichts geändert. Die Großen und die da oben machen eh was sie wollen und wir, wir sind die Dummen.
Ich glaube, dieses Schimpfen und Lamentieren kennen wir alle – und es kommt, die Anmerkung sei gestattet, meist von denen, die nie irgendwo und irgendwie Verantwortung übernehmen wollen, aber immer alles besser wissen.
Es wäre aber nicht nur leicht in dieses Lamentieren einzustimmen, sondern falsch!
Denn wenn wir genau lesen oder zuhören, dann heißt es da: „Gott wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“ (V 19)
Es geht erst einmal um uns und Gott!
Eine gute Zukunft, davon ist Micha überzeugt, gibt es nur mit Gott. Aber da, wo Menschen sich von Gott abkehren und es ohne oder gar gegen Gott versuchen, da wird Zukunft erst schwierig und dann unmöglich.
Die Geschichte vom verlorenen Sohn zeigt es. Der Sohn geht vom Vater weg und der Vater lässt ihn. Wir haben die Freiheit bei Gott zu bleiben oder wegzugehen und es allein zu versuchen. Nach unseren Regeln. Und wundern uns dann, wenn es uns so ergeht wie dem Sohn, der irgendwann nicht mehr ein noch aus weiß.
Und was für den einzelnen gilt, das gilt auch für eine Gesellschaft.
In etwa so fühlt sich unsere Gesellschaft/Welt ja manchmal an. „Das System ist defekt, die Gesellschaft versagt… Dein Leben liegt in Scherben und das Haus steht in Flamm’n“Die Frage ist: Wie gehen wir damit um?
Resignieren und sich zurückziehen? Die Schuld bei anderen suchen (und da finden wir sie ja auch meist)? Schimpfen und seinen Zorn hemmungslos herauslassen?
Oder machen wir es so wie Micha?
Micha sagt: Wir müssen bei uns anfangen. Denn die Umstände, in denen wir leben, die haben wir zwar nicht allein zu verantworten. Aber wir sind Teil davon. Wie wir leben, was wir tun und reden, hat Auswirkungen auf unsere Familien, auf die Gemeinschaft in unseren Dörfern, in unserem Land und der Welt.
Sich da auch kritisch zu reflektieren, das ist entscheidend. Micha bekennt seine Schuld und Sünde, ja, die Sünde des Volkes. Und da fängt es auch für uns an. Micha tut das, denn er weiß, an wen er glaubt.
„Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind…; der an seinem Zorn nicht ewig festhält; denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“
Gott kehrt nichts unter den Tisch. Die Folgen des eigenen Handelns, die müssen Menschen tragen. Aber d.h. nicht, dass keine Zukunft mehr geben würde. Umkehr ist möglich!
Das Evangelium hat es uns gezeigt. Der Sohn weiß irgendwann, wo er hingehört. Und als er heimkommt, findet er einen Vater vor, der ihm keine Vorhaltungen macht. Sondern mit ausgebreiteten Armen dasteht. So ist Gott. (unser Herr hängt, glaube ich, nicht ohne Grund genau so am Kreuz)
Wir kennen das doch: Wo Menschen einander vergeben, da ist die Zukunft offen, da kann neues entstehen. Das ist Gemeinschaft (wieder) möglich.
Damit ist natürlich noch kein politisches oder gesellschaftliches Konzept fertig. Und ich bin auch nicht schlauer als viele engagierte Politikerinnen und Politiker. Aber Micha hat kurz vorher schon mal einen Grundsatz formuliert, der an Aktualität kaum zu überbieten ist.
Ein Kapitel vorher schreibt er, was Gott von uns will und wie Zukunft möglich ist und wird: „Es ist dir gesagt Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8)
Auf Gott hören, Liebe und Demut üben.
Es ist das Gegenteil von Überheblichkeit, Hass und dem Hören auf das eigene Ich, das mich immer um mich selbst drehen lässt.
Fang bei dir an, Mensch. Hör auf Gott, richte dein Leben aus an der Liebe und übe dich in Demut.
Auch das ist noch keine fertige Politik. Aber ein Leitfaden. Gottes Leidfaden, für dich und mich. Ein Leitfaden, der Zukunft möglich macht. Dann wird in dieser Welt noch nicht alles gut. Aber vieles besser.
Amen.


