Pfr. Sauer: Andacht zu Trinitatis (Text)

Liebe Mitchristinnen und Mitchristen,

ein kleines Kind ruft voller Begeisterung: „Schau mal! Schau mal Papa, was ich kann!“ Und wehe, der Papa schaut dann nicht! Für kleine Kinder ist es wahnsinnig wichtig, dass sie mitteilen können, was sie können, was sie an Neuem können. Sie wollen, dass man ihnen zuschaut; dass man sie ansieht; dass sie wahrgenommen werden.

Aber eigentlich gilt das gar nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Auch wir wollen doch wahrgenommen sein. Vielleicht auch angesehen sein. Schlimm ist es jedenfalls, wenn wir das Gefühl haben übersehen worden zu sein.

Vielleicht ist deswegen vielen Menschen der Segen im Gottesdienst so wichtig. In den letzten Worten im Gottesdienst geht es nämlich genau darum. Darum, dass wir angesehen werden.
Lesen wir diese Worte als unseren heutigen Predigttext:
4. Mose 6, 22-27

Mit diesen Worten werden wir als Gemeinde in die neue Woche sozusagen entlassen. Vom „Angesicht“ Gottes ist zweimal die Rede. Sein Angesicht „leuchte über dir“ und er „erhebe sein Angesicht auf dich“. Gott schaut uns an. Das ist erst einmal das Wichtigste. Wir stehen am Ende jeden Gottesdienstes unter den Augen Gottes.

Das Angesicht meint im Hebräischen aber nicht nur das Gesicht von jemandem. Sondern auch das persönliche Erscheinen und Dasein. Gott schaut uns also nicht nur von Weitem an, sondern er ist für uns da, ganz und gar!

Aber das erklärt noch nicht, warum der Segen am Ende des Gottesdienstes für viele Menschen so wichtig ist. Warum auch eine persönliche Segnung von vielen Menschen gerne angenommen wird.
Es erklärt sich aber, finde ich, wenn wir uns den sog. „Aaronitischen Segen“ genauer anschauen, so heißt der Schlusssegen im Gottesdienst.

„Der HERR segne dich und behüte dich“, so lautet der erste Teil. Darin kommt zum Ausdruck, dass wir als Menschen zutiefst schutzbedürftig sind. Wir wissen instinktiv, dass wir die Bewahrung, das Behütetsein brauchen. Und wir haben das alle ja schon erlebt. Wir haben gefährliche Situationen bestanden, vielleicht sogar überlebt – und zwar ohne, dass wir etwas dazu beigetragen hätten. Wenn einer sagt: „Da hatte ich aber mindestens einen Schutzengel!“, dann bringt er zum Ausdruck, dass er „behütet“ wurde und selber herzlich wenig dafürkonnte.

„Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig“, das ist der zweite Teil. Darin kommt zum Ausdruck, dass wir im Leben auf Erbarmen angewiesen sind. Wir sind darauf angewiesen, dass andere uns den nötigen Raum zum Leben lassen und dass wir unter den Lasten und Ansprüchen anderer nicht erdrückt werden. Wir sind darauf angewiesen, dass andere gnädig mit uns umgehen. Immer wieder erleben wir aber das Gegenteil. Dass es gnadenlos in unserer Welt zugeht. Dass der Stärkere die Oberhand behält; dass der, der am dreistesten ist, sich durchsetzt; dass die, die am schwächsten sind, gnadenlos übergangen werden. Instinktiv wissen viele, dass das Leben nur mit Gnade und Erbarmen gelingt.

Und der dritte Teil lautet: „Der HERR erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“ Das letzte Wort in unseren Gottesdiensten, bevor die Gemeinde das „Amen“ spricht, ist „Friede“. Menschen, die aus Kriegsgebieten geflohen sind und jetzt bei uns leben, können davon erzählen wie es ohne Frieden ist. Und wenn man ihnen zuhört, dann weiß man: Ohne Frieden ist alles nichts. Und das gilt sowohl für den inneren Frieden als auch für den äußeren Frieden. Beides brauchen wir, um zu leben. Um gut zu leben.

In allen drei Teilen des „Aaronitischen Segens“ kommt also eine Sache zum Ausdruck: Dass wir angewiesen sind auf Umstände in unserem Leben, zu denen wir (oft) überhaupt nichts beitragen können. Dass Leben mehr ist, als wir machen können. Dass es immer wieder gefährdet ist. Dass es einen braucht, der es erhält.

Ja, der Segen erinnert uns daran, dass das Leben ein Geschenk ist. Und dass gelingendes Leben etwas ist, was wir eigentlich nur empfangen können. Amen.

Gott befohlen, Euer Manuel Sauer

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