Pfr. Sauer: Andacht für Palmsonntag (Text)

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 102 (EG 801.7)

 

Auslegung
Liebe Mitchristinnen und Mitchristen, was ist im Moment eigentlich dran? Klar, Corona natürlich! Von früh bis spät. Corona ist im Moment dran. Es ist aber auch Geduld haben dran. Geduld mit sich, mit der Situation, mit anderen haben. In manchen Familien ist Streit und dann hoffentlich auch wieder Versöhnung dran.

Für uns als Christen ist aber auch die Karwoche dran, die mit dem Palmsonntag beginnt. Der Leidensweg Jesu verdichtet sich und geht auf sein Ende zu.

Was ist im Moment dran für uns?

Es gibt eine wunderbare Geschichte in der Bibel (Predigttext zum Palmsonntag, Markus 14 3-9), die diese Frage aufwirft. Es geht darin um eine Frau, die Jesus ihre Verehrung zeigt, indem sie ein Fläschchen mit sehr teurem Nardenöl zerbricht und Jesus damit salbt. Es war wirklich sehr sehr teures Öl. Die Jünger beobachten die ganze Situation und sind entsetzt. Man hätte das Öl doch auch verkaufen und damit den Armen helfen können. Das war Verschwendung, sagen sie!

Doch Jesus reagiert unerwartet. Er nimmt die Frau in Schutz und sagt: „Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.“ (Markus 14, 6-8)

Beim ersten Hören wirkt das fast schon ein bisschen hart, wie Jesus da von den Armen redet. „Arme habt ihr immer und wenn ihr wollt könnt ihr ihnen Gutes tun…“ Man könnte ihn da missverstehen und meinen, ihm wären die Armen so ein bisschen egal. Aber so ist es natürlich nicht! An vielen anderen Stellen fordert Jesus ganz klar, dass wir unseren Nächsten beistehen sollen.

Im Moment passiert das ja in unserem Land in wunderbarer Weise. Da kaufen Menschen für andere ein – wir haben das in dieser Woche als Familie auch erfahren dürfen und sind sehr dankbar dafür. Menschen stehen sich gegenseitig bei und sind dabei wirklich kreativ.

Ja, das brauchen wir. Und zwar nicht nur jetzt in der Krise! Nächstenliebe ist Teil unseres Glaubens. Aber eben nur ein Teil. Man kann unseren Glauben nicht auf Ethik reduzieren. Glaube ist mehr als Gutes zu tun.
Und darauf, auf dieses Mehr, verweist uns die namenlose Frau, die Jesus salbt und ihm so ihre ja fast schon maßlose Liebe zeigt. Es geht im Glauben auch um die Liebe zu Jesus, zu Gott. Gottes- und Nächstenliebe sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Jede hat ihr Recht. Aber es kann die eine nicht ohne die andere geben.

Vielleicht ging es den Jüngern damals wie uns heute auch. Wir machen und tun Gutes – wenn auch wahrlich nicht immer; wir planen und organisieren – auch in der Kirche und fühlen uns gut; wir sind, ja, irgendwie Getriebene und meinen manchmal, dass nur die Tat zählt. So ist zumindest mein Eindruck, und da schließe ich mich ganz bewusst mit ein.

Deswegen finde ich den Hinweis, den uns die namenlose Frau gibt, so heilsam. Die Liebe zum Nächsten braucht und lebt von der Liebe zu Jesus, zu Gott.

In vielen Liedern in unserem Gesangbuch kommt diese Liebe zu Gott wunderbar zum Ausdruck. Für mich am eindrucksvollsten im Lied „Wie groß ist des Allmächtgen Güte“ (EG 609) von Christian Fürchtegott Gellert. (An dieser Stelle können Sie das ganze Lied einfach einmal lesen oder auch singen.)

„Vergiss mein Herz auch seiner nicht.“ Das ganze Lied ist eine einzige Liebeserklärung an Gott.

„Vergiss mein Herz auch seiner nicht.“ Menschen, die wir lieben, vergessen wir nicht. Ganz im Gegenteil. Sondern wir verbringen Zeit mit ihnen; wir interessieren uns für sie; wir wollen sie verstehen. So zeigen wir anderen unsere Liebe.

Und genau das könnte doch jetzt auch in der vor uns liegenden Karwoche für Jesus gelten. Er ist für uns gestorben, damit wir leben können. „Sieh, darum musste Christus leiden, damit du könntest selig sein.“ So weit ging seine Liebe für uns, dass er sich selber aufgegeben hat!

Darüber wieder in dankbares Staunen zu geraten, das wäre etwas, was ich mir für mich und für uns alle wünsche.

Seit einigen Tagen habe ich durch die Quarantäne noch etwas mehr Zeit als ohnehin durch die Ausgangsbeschränkungen. Und da ist mir an mir selber aufgefallen, dass ich ganz bewusst wieder das Gesangbuch zur Hand nehme und Lieder für mich singe und mich von den Dichtern mitnehmen lasse in ihre Glaubenserfahrung. Das ist für mich gerade eine wunderbare Erfahrung!

Mich singend mit den Worten anderer an das Geheimnis des Kreuzes, an das Geheimnis der Liebe Gottes zu uns Menschen herantasten. Mir Zeit zu nehmen für das Leben und im Moment auch für das Leiden und Sterben Jesu und mir bewusst zu machen: Das Entscheidende für mein Leben hat schon ein anderer getan. Nämlich der Mann am Kreuz.

„Vergiss mein Herz auch seiner nicht.“ Eine wunderbare und heilsame Aufgabe. Nicht nur für die Karwoche!

Amen.

 

Gebet:
Herr Jesus Christus, wir danken dir für deine unendliche Liebe zu uns. Wir danken dir, dass du den Weg der Liebe für uns gegangen bist bis zum Schluss. Lass uns nicht vergessen, was wir dir zu verdanken haben.
Herr, du weißt, dass viele von uns in diesen Tagen die Ungewissheit bestimmt. Für viele Menschen ist ungewiss, wie es in Zukunft weitergeht, finanziell, mit dem Arbeitsplatz, mit der eigenen Firma, mit der Miete. Herr, sei denen nahe, die die Ungewissheit plagt. Schenke ihnen Kraft und Zuversicht und Menschen, die ihre Lage verstehen und versuchen ihnen beizustehen.

Herr, du weißt auch um die, deren Gesundheit angegriffen ist. Du weißt um die, die vom Virus betroffen sind und schwer daran zu leiden haben. Wir bitten dich um Heilung und Trost für sie und um Menschen, die ihnen beistehen.

Herr, wir danken dir für alle Pfleger, Krankenschwestern, Ärztinnen, Menschen in den Verwaltungsbehörden, bei der Polizei und Feuerwehr und die vielen anderen, die sich um Menschen und um ein funktionierendes öffentliches Leben kümmern. Danke für alle. Stärke sie in ihrem Dienst und lass sie die Anerkennung finden, die sie verdienen.

Und in der Stille bringen wir vor dich, was uns persönlich bewegt.
Stille.
Amen.

Vaterunser im Himmel…

 

Es segne und bewahre uns der allmächtige und barmherzige Gott. Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

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